Jedes Ding hat seine Zeit

Wenn Ihr Euch über meine Arbeitsweise genauer informieren möchtet, bietet Euch folgendes Interview, das ich jüngst dem autorenforum.de-Newsletter »The Tempest« gegeben habe, einen tiefgehenden Einblick.

Für uns ist es immer wieder ein Erlebnis, durch eine Buchhandlung zu schlendern und all die tollen – auch miteinander konkurrierenden – Buchcover zu sehen. Doch wer sind eigentlich diese Künstler, die mit ihrem Illustrationstalent jedem einzelnen Buch zu einem passenden Gewand verhelfen? Wir wollten mehr über so ein Grafikerleben wissen, und so haben wir einen dieser talentierten Menschen interviewt.

Ramona und Thomas Roth-Berghofer: Lieber Michael Böttler, gerade ist Michael Borliks Urban-Fantasy-Roman »Nox« im Thienemann-Verlag erschienen, und Sie haben den eindrucksvollen Schutzumschlag für diesen Roman gestaltet. Welche Überlegungen spielen für Sie beim Entwickeln eines solchen Covers eine Rolle?

Michael Böttler: Zuallererst müssen die Wünsche des Verlags auf jeden Fall respektiert werden. Für die Umschlaggestaltung – wie überhaupt für jedes Design – ist ein gutes Briefing wichtig. Im besten Fall kann die Lektorin / der Lektor abschätzen, welche Informationen relevant sind und was einen kreativen Fluss eher einschränkt. Der Verlag muss wissen, in welche Richtung er gehen möchte. Wen soll das Cover ansprechen? Soll es genretypisch sein oder mit Sehgewohnheiten brechen? Soll es sich ganz eng an dem orientieren, was gerade »in« ist (im Falle von NOX wäre das die Bis(s)-Optik gewesen), oder darf es so überhaupt nicht aussehen? Darauf muss ich als Gestalter Rücksicht nehmen.

Wenn ein Briefing sehr offen gehalten ist, nehme ich mir als Nächstes das Manuskript vor und lasse die während des Lesens entstehenden Bilder in meinem Kopf frei herumspinnen. Ist ein Briefing konkret und soll sich das Cover z. B. auf eine bestimmte Szene des Buchs beschränken, überlege ich, während ich das Manuskript lese, ob sich das plakativ umsetzen lässt oder ob in anderen Teilen mehr Potential steckt.

Wenn ich etwas anders sehe oder Bedenken habe, bespreche ich das mit dem Lektorat. Ohne eine gute kommunikative Zusammenarbeit mit dem Lektor geht es nicht. Ich denke, jeder Autor weiß, wovon ich rede.

Das Wichtigste ist, dass einem das, was man macht, selbst gefällt und dass man davon überzeugt ist. Es gibt viele, die das leugnen, die sich hinter der Zielgruppe oder was auch immer verstecken. Aber ich denke, die schwindeln.

Mein schlimmster Feind ist das »Könnte man nicht noch …« In diesem Fall weiß ich, der Entwurf ist tot, und es beginnt der zähe, verzweifelte Versuch der Lebenserhaltung. Und über mein Gegenüber verrät es, dass es selbst nicht weiß, was es will. Das heißt nicht, gewünschte Änderungen zu ignorieren. Änderungswünsche können gute Designs zu sehr guten machen. Bei NOX hatte ich da großes Glück, auch wenn das erste Cover in einem Stadium abgeschossen wurde, in dem es eigentlich abgeschlossen war. Ich wurde aber schon im Vorfeld gewarnt, dass das in diesem speziellen Fall passieren könnte, und so war es nicht weiter schlimm.

RRB/TRB: Wie kommen Sie auf die Ideen für ihre Illustrationen? Wie entwickelt sich eine Buchcover-Idee in Ihrem Kopf, auf dem Papier und am Computer?

MB: Ich versuche, die während des Manuskriptlesens in meinem Kopf entstandenen Eindrücke festzuhalten. Kleine, mit Adjektiven versehene Skizzen auf Papier leisten gute Dienste, oder ich recherchiere erst mal, wenn ich mich mit einem Thema zu wenig auskenne. Einmal steht für mich die Typografie an erster Stelle, das nächste Mal Form oder Textur. Oder ich setze mich mit einem Farbfächer ans Fenster und denke über Farben nach. Manchmal wird als Erstes nach Fotos gesucht oder ohne großen Aufwand fotografiert. Das klingt unstrukturiert, aber das Ergebnis zählt, und so habe ich keinen Bedarf, meinen »Workflow« in feste Bahnen zu lenken.

Wenn die ganzen Vorarbeiten abgeschlossen sind, setze ich mich für die Ausführung an den Rechner. Hier wird das Chaos geordnet, Ideen, die im Kopf oder auf dem Papier gut aussahen, werden verworfen oder weiter ausgearbeitet. Der Computer ist meine Leinwand. Es geht, das dürfte niemanden wundern, vom Groben ins Feine. Die Ausarbeitung erfolgt auch nicht unbedingt linear. Manche Teile werden recht weit ausgearbeitet, andere zunächst in einer Art Rohform belassen. Am Ende muss alles zusammenpassen, und das Ergebnis muss auf dem Bildschirm und, was noch wichtiger ist, gedruckt überzeugen.

Ich versuche, auf meine Art »stillos« im positiven Sinn zu sein. D. h. einem Thema nicht meinen Stil aufzuzwingen, sondern diesen aus der Sache selbst herauszubilden.

RRB/TRB: Wie lange haben Sie am Schutzumschlag für »Nox« gearbeitet?

MB: Mmmmmh. Ich schätze, mit allem Drum und Dran für die erste (gemalte) Version eineinhalb Wochen, vielleicht auch länger. Die endgültige Version entstand in eineinhalb Tagen, ich war ja voll in dem Thema drin und konnte außerdem auf die Typo von Version 1 zurückgreifen. Das gemalte Cover war von Anfang an als Experiment gedacht, und obwohl es bei der Zielgruppe gut ankam, wollte man, aus meiner Sicht natürlich zu spät, doch eine Fotolösung. Heute bin ich glücklich mit der Entscheidung, denn es ist das direktere Cover. »Tara« zieht dich unmittelbar in ihren Bann :-)

RRB/TRB: Wie umfangreich ist bei der Gestaltung die Zusammenarbeit mit dem Verlag oder dem Autor?

MB: Die Zusammenarbeit mit dem Verlag ist, wie oben beschrieben, die wichtigste Grundlage für ein gutes Cover. Wie umfangreich sie ist, hängt natürlich auch davon ab, wie gut man sich kennt. Ist es das erste gemeinsame Projekt oder arbeitet man schon lange zusammen?

Die Wünsche des Autors werden, soweit vorhanden, über das Lektorat gefiltert. Natürlich ist das Buch in erster Linie das Kind des Autors. Aber vielleicht ist es, wie im wirklichen Leben, eben besser, wenn die Eltern keinen Einfluss auf das Erscheinungsbild haben.

Dazu braucht der Autor Vertrauen. Er muss wissen, dass Verlag und Grafiker alles in ihrer Macht Stehende tun, um das Baby so gut aussehen zu lassen wie möglich. Dass sie über das nötige Fachwissen verfügen und darüber hinaus das »Kind« zu ihrem eigenen machen werden.

RRB/TRB: Wie kamen Sie zum Illustrieren beziehungsweise Grafikdesign? Gab es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis? Haben Sie Vorbilder?

MB: Das Übliche: Ich zeichne, seit ich einen Stift halten kann. Der Umgang mit Papier ist mir in die Wiege gelegt worden, so war z. B. mein Opa ein Schweizerdegen (Schriftsetzer und Drucker in einer Person).

Der Einstieg in die Berufswelt erfolgte, in bester Tradition, über eine Ausbildung zum Drucker, in der ich mir wichtiges Fachwissen über die Produktion, Papier und Farbe aneignen konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt waren meine Bilder graphitgrau und kohlenschwarz. Jetzt wurde es bunt. Zuerst mit Gouache, dann mit Öl und Acryl.

Ich wollte mehr, vor allem mehr wissen, und entschied mich, ein Studium der audiovisuellen Medien zu beginnen – nur um es wenig später wieder abzubrechen: Es handelte sich um einen Ingenieursstudiengang, und ich dachte, wie schlimm kann das sein? Nur so viel: Fragen Sie mich bitte nie was zum Thema Elektrotechnik … Dennoch lernte ich in der kurzen Zeit viel über die Technik der Fotografie, Storyboards und und und.

Mittlerweile war ich 26 und hatte außer einer Ausbildung zum Drucker und dem Wissen, was ich nicht machen möchte, gar nix in der Tasche. Ich entschied, die Fachschule für Informationsdesign zu besuchen. Das sollte meine berufliche Offenbarung werden. Ich entdeckte meine Liebe zur Typografie, zur Grafik, zum Gestalten mit dem Rechner. Die Technik und die Kreativität wurden bedient. Wir Schüler waren eine eingeschworene Gemeinschaft, und meine Ausbildungsodyssee sollte ihr Ende haben. Wobei, nicht ganz … Nach dem Abschluss führte mich mein Weg über zwei Agenturen in die Selbständigkeit. Das war auch sehr lehrreich :-) So viel zu meinem Werdegang: im Zickzackkurs aufs Ziel zu.

Vorbilder habe ich keine bestimmten. Kunstgeschichtlich gibt es keinen Stil, den ich herausragend über alle anderen stellen würde. Jedes Ding hat seine Zeit. Ich mag, wie Will Eisner oder Frank Miller ihre Geschichten erzählen, die Illustrationen von Frazetta, Peter Connolly, John Howe und Alan Lee, aber auch von Simone Legno, Jens Harder oder Benjamin; Concept Art von Ryan Church und Iain McCaig und und und. Ich finde es bezaubernd, welche Wirkung die Bücher von Helme Heine, Daniela Kulot oder Daniel Napp auf meine Tochter haben, und lasse mich mit verzaubern. Ich mag, wie so viele, die Schriften von Zapf, Frutiger und Spiekermann, würde mich als typophil bezeichnen, ohne Typograf zu sein.

RRB/TRB: Wie erlernt man als Illustrator den Umgang mit verschiedenen Medien wie Computer, Bleistift oder Acryl? Ganz zu schweigen von den Techniken Stimmung, Farbgebung, Portrait, Kontraste oder Proportionen? Ist man da mehr Autodidakt – wie es viele Autoren sind -, oder studiert man all das an einer Hochschule?

MB: Ein Interesse am bildlichen Gestalten in irgendeiner Form muss da sein, und dadurch sind viele Teile der Frage schon beantwortet: Wer zeichnet und malt, dem sind Proportionen, Farbgebung, Kontrast und Harmonie und die Gefühle, die man damit ausdrücken kann, vertraut, man wendet sie intuitiv richtig an. Ob das allein für eine berufliche Laufbahn ausreicht, hängt vom Einzelfall ab. Eher nicht. Aber man kann darauf aufbauen.

Als Einstieg eignet sich z. B. eine Ausbildung zum Mediengestalter, in der man viele technische Grundlagen erlernen kann (hängt natürlich auch vom Ausbildungsbetrieb ab). Kombiniert man dies mit einem Kommunikations-, Informations- oder Grafikdesignstudium, wird man, denke ich, ein medialer Renaissancemensch. Man darf nicht vergessen, dass man auch als Student in vielen Bereichen Autodidakt ist, aber man lernt, wie man lernt. Weitere Vorteile einer Ausbildung bestehen darin, dass man auf Gleichgesinnte trifft und sich so kreative Netzwerke bilden können. Dass man abstrakt denken lernt. Dass man Profis an der Hand hat, die man fragen kann, ob das, was man macht, gut ist. Darüber hinaus hat man Zeit für eigene Projekte, die im späteren Berufsleben einfach nicht mehr vorhanden ist. Und last but not least: Man erweitert seinen Horizont.

Oder man wählt, wie ich, freiwillig oder nicht, eine Art Mittelweg aus verschiedenen Ausbildungen und setzt sein berufliches Wissen und Können wie ein Puzzle zusammen. Dabei gewinnt man auf jeden Fall Lebenserfahrung …

RRB/TRB: Wie sieht Ihr Grafiker-Alltag aus?

MB: Ganz unterschiedlich und ganz nach Projekt, aber er beginnt NIE vor neun Uhr morgens. Im Großen und Ganzen sitze ich vor zwei Bildschirmen und denke mich in die verschiedensten Anforderungen und Bedürfnisse und versuche, die jeweils beste Lösung für all die grafischen Probleme zu finden, und meistens genieße ich es, das zu tun. Daneben bin ich Ehemann und Vater einer kleinen Tochter … Nein, richtig ist, ich bin Ehemann und Vater einer kleinen Tochter, und daneben versuche ich, die Welt grafisch ein bisschen aufzuhübschen (schreckliches Wort). Nicht mehr und nicht weniger.

RRB/TRB: Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Grafiker aus?

MB: Das müssten Sie einen guten Grafiker fragen ;-). Ich denke, Neugier und Kompromissbereitschaft. Ohne geht es nicht. Der Hang zum Perfektionismus ist wohl bei jedem Grafiker zu finden. Da unterscheiden wir uns nicht von den Autoren.

Selbstzweifel und das Infragestellen dessen, was man tut, sind ständige Begleiter. Beide streiten mit der Überzeugung, zu wissen, was das Richtige und im jeweiligen Fall Beste ist. Aber beide schützen auch vor Selbstzufriedenheit und Stillstand. Man muss nur aufpassen, dass einen diese Zweifel nicht auffressen – deshalb ist es gut, wenn man auf eine Ausbildung oder auf die Meinung anderer Kreativer zurückgreifen kann, die einem zusätzlich Selbstvertrauen geben.

Im Fall von »Nox« habe ich mich lange gefragt, ob der Bildausschnitt des Gesichts in der Rabensilhouette in Verbindung mit der gebrochenen Schrift »nox« nicht eher an einen Mittelalterroman denken lässt. Man sieht in das Gesicht einer Person, die einen Topfhelm trägt. Oder eine verschleierte Person … dann könnte der Roman vielleicht im mittelalterlichen Jerusalem spielen. Vielleicht sehen die Leser des Tempest das jetzt auch … Irgendwann muss man den Punkt finden, an dem man loslässt und Bedenken bei Seite schiebt. Auch hier ist die Parallele zum Schreiben da.

RRB/TRB: Arbeiten Sie auch an anderen illustrativen Themen wie Comics, Werbeplakaten oder Mode? Welche anderen Themen könnten Sie reizen?

MB: Gerade habe ich die Arbeit an einem Spot über Martin Luther beendet. In diesem Fall habe ich Illustrationen geliefert. Es ist spannend zu sehen, wie sie in Animationen das Laufen lernen und mit dem passenden Sounddesign »real« werden. Die Selbständigkeit bietet so viele Möglichkeiten. Einmal arbeitet man in einem kreativen Team und steuert seinen Teil zum Gesamtwerk bei. Eine Woche später macht man eine Geschäftsausstattung und ist nur dem Kunden allein verantwortlich.

Ich nehme mir vor, irgendwann in das Thema 3 D einzusteigen, denn ich denke, es würde mir das Leben bei vielen Illustrationen erleichtern. Aber das ist ein großes Fass, und ich habe mich noch nicht getraut, es aufzumachen. Man muss auch nicht alles können … mmmh, aber es wäre schon cool.

RRB/TRB: Hätten Sie noch einen besonderen Rat für angehende Grafiker und Grafikerinnen?

MB: Habt Spaß an dem, was ihr tut, und lasst euch eure Begeisterungsfähigkeit nicht nehmen. Der Job kann megastressig sein. Burn-out ist unser Damoklesschwert – wirkt dem von Anfang an entgegen: Nehmt euch Zeit für Familie und Freunde. Passt auf, dass ihr euch nicht ausnutzen lasst. Bleibt neugierig, und geht mit offenen Augen durch die Welt.

RRB/TRB: Herzlichen Dank für das Interview!

Das Interview ist erschienen in: The Tempest 2010, Ausgabe 12-8.
Ihr könnt »The Tempest« abonnieren auf www.autorenforum.de/

Ein Kommentar zu “Jedes Ding hat seine Zeit”

  1. Marc sagt:

    Hey cool. Vielen Dank für den Einblick. Wann kommt hier was Neues? ;)

Hinterlasse eine Antwort